Hurrican in der Dom.Rep.

Ein schönes Gefühl ist es, abends schlafen zu gehen in der Gewißheit, daß sich Jeanne, der Hurrican, der Mitte September zu Besuch in der Dominikanische Republik weilt, in der Gegend von Samaná festsitzt. Seit Stunden werden keine bedeutenden Bewegungen die Nordküste herunter in westliche Richtung mehr gemeldet. Dann also gute Nacht. En la madrugada: 03.30h, Ortszeit Cabarete. Irgendwie wird es draußen laut. Da kommt Sturm auf, und es regnet heftig. Aber Jeanne ist doch eigentlich abgehakt, was soll das? Ernst genommen haben wir den Hurrican oder Tropensturm ohnehin nicht: ein Hurrican an der Nordküste? Undenkbar! Die spinnen, die Meteorologen. Die können vielleicht den Druck im Hurricaneauge messen, alle möglichen Windgeschwindigkeiten und daraus eine Richtung eines Hurricans unter Reagenzglasbedingungen voraussagen. Aber was wissen die Wetter-Yankees aus Miami schon von der Geographie der Dominikanischen Republik? Die kennen doch bloß ihre Everglades und vielleicht noch die Rocky Mountains. Daß wir hier bedeutende Gebirgszüge haben, mit mehr als dreitausend Metern die höchsten Berge der Karibik überhaupt, das interessiert Uncle Sam doch überhaupt nicht. Deshalb meinen diese meteorologischen Ignoranten, uns, uns hier zwischen Gaspard Hernández und Luperón, könnte ein Hurrican treffen. Lächerlich! Gleichwohl, es stürmt. Es stürmt immer heftiger. Wozu hat man eigentlich Internet? Also schauen wir mal in die einschlägigen Seiten. Da ergibt sich nun doch tatsächlich, daß Jeanne es gegen 23.00h gewagt hatte, aus ihrer „Falle“ im Landesinneren nahe bei Samaná über die Bay hinweg bis auf den Atlantik auszubrechen. Und nun zieht dieses Phänomen in stereotypischer weiblicher Boshaftigkeit auf uns zu ohne zu bedenken, daß hier bei uns an der Nordküste soetwas traditionell überhaupt nichts zu suchen hat. Bestimmt hat Jeanne, dieses irregeleitete Weib, eine us-amerikanische Staatsbürgerschaft und befürwortete auch die Invasion im Irak. Um 02.00h hatte Jeanne – wahrscheinlich gedopt, diese Yankee-Hippe – schon den „Playa Grande“ erreicht gehabt, allerdings nicht mehr als Hurrican der Kategorie 1, sondern als Tropensturm. Bei Sonnenaufgang tanzen die Palmen im Garten um uns herum wildesten Merengue. Regenböen peitschen vorbei, der Swimmingpool schlägt Wellen, beim Nachbarn knickt ein Baum um, unsere Glasschiebetüren rappeln aber halten, allerdings wird Regenwasser durch die Fensterrahmen ins Haus hereingepreßt. Die Plastik-Cassita aus dem „PriceMart“ wird umgeworfen und in ihre Einzelteile zerlegt, schäme Dich, Jeanne! Bis „zwei“ zählen kann Jeanne, diese Irrläuferin, anscheinend nicht, sonst hätte sie nicht nur „eine einzige“ Dachschindel bei uns abgedeckt. Wirklich gerade steht keine Pflanze mehr im Garten. Interessant, daß Orchideen fliegen können. Es ist 11.30 Uhr. Das Telefonnetz blieb unversehrt wie auch die Internet-Satellitenschüssel auf dem Dach, wenngleich diese nachzujustieren ist. Irgendwie doch nicht perfekt, diese Jeanne. Andererseits: die Menschen sind tief geschockt, nicht nur wegen der sechs Todespfer, der vier Vermißten und hunderten von Verletzten. Ein Erdbeben, das geht ja noch. Aber ein Hurrican hat hier in diesem Bereich der Nordküste so wenig zu suchen wie eine Casa de Putas voller Thailänderinnen, das ist zuviel! Am Ende kommt in zwanzig Jahren nochmal so ein unzüchtig wild blasendes Weib nach Sosúa. Die Straßen sind zunächst unpassierbar, weil überall entwurzelte Bäume herumliegen. Gehören Canadächer nicht nach oben auf das Hoteldach? Die Ampelanlage an der Texaco-Station konnte ruhig weg, wer hält sich schon an Lichtzeichenanlagen? Die Carretera zwischen Sosúa und Cabarete sieht noch am Nachmittag aus wie ein Forstweg, auf dem eine Horde wildgewordener Waldarbeiter sich ausgetobt hatte; Bäume, Sträucher, Zäune, Schilder, Wohnhütten – alles Objekt eines Deslalojos der besonderen Art. In Cabarete gab es ohnehin viel zu viele große Reklameschilder an den Häusern der Durchgangsstraße, und zu viele Autos sowieso. Schon sinnvoll, wenn einige dieser Schilder von Jeanne auf darunter parkende Fahrzeuge geworfen wurden. Wozu brauchen wir die Hinweisschilder auf die Hotels, Supermärkte, auf „Western Union“ oder „Helado Bon“? Die Läden kennen wir doch alle. Wildromantisch sieht es aus bei „Isla Bon“ und am Fluß Yassica. Mike mit seiner künstlich geschaffenen Aufschüttung lebte in seinem Haus einen Tag einsam auf einer trockenen Flußinsel, seine Nachbarn konnten fast schwimmend die Dachschäden inspizieren. In Böen erreichte die Windgeschwindigkeit dort gemessene 165 km/h. Halten wir aber fest: Jeanne war bestimmt nur ein Tropensturm. Bei uns an der Nordküste gibt es nämlich nie Hurricans, basta!

Beitrag von Ralph aus Cabarete

(Mehr Bilder vom Hurrican im Fotoalbum)

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