Überfallen kann man überall werden

Überfallen kann man überall werden, nur ist das Strickmuster oft verschieden.
Mein Ziel ist es, möglichst viele Leute zu sensibilisieren, sich auf einen Überfall vorzubereiten, um dann nicht kopflos zu reagieren und unvorbereitet in die Machete zulaufen.
Am 9.3.03 wollten wir den vierten Zugang zum Salto El Limón (Halbinsel Samaná)erkunden. Wie üblich verließen wir vor 8.00 Uhr das Hotel in Las Terrenas und fuhren mit dem camioneta (Pick-up) nach El Limón. Der Weg führte uns durch das Dorf zum Fluß. Hier wuschen zwei Frauen ihre Wäsche. Wir mußten den Fluß dreimal durchwaten. Vor der letzten Durchquerung auf einer Landzunge waren drei Kinder mit Pferden und ein Reiter, der sein Pferd wusch. Der Weg hinter dem Fluß war sehr eng und stieg stark an. Zuerst überholten uns die Kinder und bogen ab in die Berge. Dann kam der Reiter.
Auch er überholte uns, blieb aber immer im gleichen Abstand vor uns und drehte sich ständig nach uns um. Er versuchte uns, vom richtigen Wege wegzulocken. Wir merkten dies jedoch und kehrten um. Er wendete sein Pferd, und schnell stand er neben mir, zog die Machete aus der Scheide und verlangte 100 Dollar. „Si, claro“, sagte ich zu ihm und zu meiner Frau: „Hau‘ ab!“. Sie ging auch etwa 10 m weg, entschied sich aber, mich nicht allein zu lassen. Das paßte nicht in meinen Plan, denn ich wollte weglaufen, und wenn ich entkommen sollte, war sie in Gefahr. Jetzt war aber wirklich
keine Zeit für Diskussionen. Auf alle Fälle standen wir nicht mehr nebeneinander, und er mußte seine Aufmerksamkeit teilen. Ich überlegte noch, ob ich ihm das Portemonnaie so zuwerfen sollte, daß er es unmöglich fangen konnte und es auf der anderen Seite zu Boden fiel. Sobald er von mir abgelenkt war, wollte ich sein Pferd mit aller Wucht treten. Ich verwarf den Plan, weil ich nicht wußte, wie das Pferd reagieren würde. Ich lief weg, im Zickzack zwischen den Bäumen, so daß er mit dem Pferd nicht folgen konnte. Er rutschte herunter von dem Tier und rannte mit der Machete hinter mir her. Ich wußte, etwa 50 m weiter ging es sehr steil einen Abhang zum Fluß hinunter. Ich wollte sehen, ob er mich so weit verfolgen würde. Nach 30 m
war meine Flucht zu Ende. Ich war an einer Wurzel hängengeblieben und gestürzt. Nun lag ich auf dem Rücken, der Rucksack unter und er mit der Machete über mir. „100 Dollar, 100 Dollar!“, wiederholte er seine Forderung.

„Si, si“, sagte ich und rief meiner Frau zu: „Schmeiß‘ das Pferd.“ Er wurde noch nervöser, denn er wußte ja nicht, was ich rief. „De me la cámera, la cámera“, sagte er, denn er hatte längst gemerkt, daß es gar nicht so einfach ist, einen Fremden zu überfallen. Seine Unsicherheit nutzte ich jetzt aus und fing an zu keuchen, so gut und laut ich konnte. Er muß gedacht haben, gleich geht es mit dem zu Ende. Der Räuber reagierte so unüberlegt, kam mir mit seinem Kopf mehrfach so nahe, daß ich ihm mit einem Tritt hätte den Unterkiefer zertrümmern können. Ich tat es ganz bewußt nicht, um ihn nicht zu veranlassen, mit der Machete
zuzuschlagen. Ich hatte ihn ja sehr gut unter Kontrolle und nutzte dies aus, um Zeit zu gewinnen. Meine Frau hatte inzwischen das Pferd mit Kokosnüssen beworfen. Beim zweiten Wurf setzte es sich in Bewegung und lief weg. Jetzt gab er auf, lief seinem Pferd hinterher und war nicht mehr zu sehen.

Wir bewaffneten uns mit Steinen und traten den Rückzug an. Die Polizei in Las Terrenas hörte sich das an und bat uns am nächsten Tag 13.00 Uhr wiederzukommen, um die Führer, die die Touristen zum Wasserfall führen, in Augenschein zu nehmen. Als wir am anderen Tag zur Polizei kamen, waren die beiden Mitarbeiter vom Vortag nicht mehr da. Keiner wußte etwas von dem Vorfall, oder man tat jedenfalls so, fragte aber, was man uns gestohlen hätte. „Nichts“, war die Antwort. Damit war die Sache für die Polizei uninteressant. Wir sprachen noch mit einem Kenner der Szene, der sagte, die Polizei macht gemeinsame Sache mit dem Täter. „Solange der Euch nicht
verletzt und der Polizei die Hälfte der Beute abgibt, passiert ihm nichts.“

Ich hatte mich geistig auf solch eine Situation vorbereitet und habe die Nerven behalten und mein Konzept durchgeführt. Der Mann mußte aufgeben, weil er allein war und uns nicht verletzen wollte. Er konnte nur einen von uns bedrohen. Ich hatte ihn veranlaßt, sein Pferd zu verlassen, und als dieses dann auch noch abhaute, war er hoffnungslos überfordert.

So, nun meine Vorbereitungen: Wir waren jetzt 87 Wochen drüben, nie in einem Touristenhotel, immer nur mit den Einheimischen zusammen. Wir sprechen so gut spanisch, daß wir immer verstehen, worum es geht, wenn die sich unterhalten. Das meistgebrauchte Wort ist Peso. Daraus kann man erkennen, daß die Gespräche nicht anspruchsvoll sind. Das können sie auch gar nicht sein, weil die Schulbildung so miserabel ist, daß wir uns das nicht vorstellen können. Die Leute können gar nicht oder nur wenig lesen und schreiben. Deswegen ist es nicht hilfreich, den Leuten ein Wort im Wörterbuch zu zeigen. Aus Erfahrung wissen wir, wie unendlich schwierig es
ist, den Leuten, die bereit sind zuzuhören, etwas zu erklären, weil sie ganz einfach nicht folgen können, da sämtliche Grundlagen und vor allen Dingen das Denken fehlen. Denken muß man lernen. Bei der dortigen Unterrichtsmethode ist das aber gar nicht eingeplant! Seit 1999 gibt es zwar neue Lehrbücher, die zum selbständigen Arbeiten und damit auch zum Denken anleiten sollen, aber die Lehrer sind immer noch die alten. Und genau auf diesem Manko baute meine Vorbereitung auf. Also, den Ablauf nicht vom Angreifer bestimmen lassen, sondern seinen Plan durcheinanderbringen und
selbst die Handlung bestimmen.

Wenn man an einen Killer gerät – was aber selten der Fall ist -, dann funktioniert das nicht, aber dann hat man sowieso keine Chance, wenn man unbewaffnet ist!
Der Räuber hat uns regelrecht aufgelauert. Das funktioniert nur dort, wo ständig Touristen hinkommen. Da wir nun die ersten waren, weit vor den anderen, mußten wir dran glauben.
Künftig werden wir solche Ziele mit der Herde, allerdings nach wie vor ohne Führer ansteuern. Einen Führer zu nehmen, ist keine Lösung. Auch der kann Sie überfallen.
Dieses Risiko, daß man Ihnen auflauert besteht nicht in Gegenden, wo kaum Touristen hinkommen. Wenn ich daran denke, in welch entlegenen Winkeln wir herumgekrochen sind! Und wir hatten nie ein ungutes Gefühl. Manchmal war es so einsam, daß Kinder vor uns weggelaufen sind und Frauen wegsahen, weil wir die ersten Fremden waren, die sie sahen.
Weiter müssen wir daraus lernen, es genügt nicht, wenn man ganz bescheiden drüben herumläuft. Für einen Dominikaner ist ein Tourist immer reich!!! Allein die Tatsache, daß alle, die drüben aufkreuzen ein Ticket für 28.000 Pesos erworben haben, macht ganz offensichtlich manche Dominikaner verrückt!

Können Sie sich vorstellen, daß ich wegen unseres Verhaltens gegenüber dem „armen Dominikaner“ beschimpft worden bin? Er habe das nur getan, weil er zu Hause hungernde Kinder habe! – Blöde gibt es eben überall.

Für uns steht fest, wir fliegen nächstes Jahr wieder rüber. Wir suchen Begleiter nach dem Motto: Gemeinsam sind wir stärker.

An der Playita in Las Galeras ist ein Ehepaar von drei Männern mit Machete überfallen worden. Da die beiden kein Geld dabei hatten, nahmen sie die Frau
als Geisel und schickten den Mann ins Hotel, Geld zu holen. Der kam tatsächlich mit Geld und ohne Polizei wieder. Die drei hatten inzwischen seine Frau vergewaltigt.
Mir wäre das nicht passiert! Ich hätte nie meine Frau allein lassen, weil
mir klar gewesen wäre, was dann passiert.

So, nun meine spontane Reaktion: Am Strand ist Sand. Den kann man, ohne sich zu bücken, den Angreifern ins Gesicht schleudern. Die Wirkung ist vollständig. Sie sollten das beim nächsten Aufenthalt am Strand üben. Am besten geht es, wenn Sie die Fußspitze in Höhe der Hacke etwas in den Sand bohren. Wenn das nicht geklappt hätte, dann hätten die sich entscheiden müssen, was sie lieber wollen. Was wollten die drei? Sie wollten Geld und Sex! Ich hätte gesagt, daß wir kein Geld haben und nur die Frau eine Kreditkarte hat. Ich bin sicher, die hätten sich für das Geld entschieden. Vielleicht hätte ich auch zuerst die Frau weggeschickt und dann den Sand geschleudert. Das wäre auf die Situation angekommen. Übrigens: Bei einem Hund funktioniert das mit dem Sand nicht!

In Santo Domingo haben drei Überfälle das gleiche Strickmuster! Wie im ganzen Land gibt es auch dort carros públicos – das sind Pkws im Linienverkehr, oft nicht markiert, oft fahren auch Privatleute, wenn sie eine häufig befahrene Strecke fahren, als Massentransportmittel. Man stellt sich an die Straße, und das nächste Fahrzeug, das einen Platz frei hat, hält an. In den drei Fällen waren getürkte públicos unterwegs. Diese sind als solche nicht zu erkennen. Man merkt es erst, wenn es zu spät ist. In allen drei Fällen stieg eine Einzelperson vorn zu, wurde von hinten gewürgt, ausgeraubt und aus dem Fahrzeug gestoßen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, sich abzusichern: Nie vorn einsteigen und nie ohne Begleitung fahren oder nur an Endstationen einsteigen, wo mehrere Fahrzeuge auf „Ladung“ warten.

Die Fahrer kennen sich, da kann sich kein schwarzes Schaf einschleichen. Außerdem ist darauf zu achten, daß beide gleichzeitig aussteigen, damit das carro nicht mit einer Person abhaut. Besonders kritisch ist es, wenn hinten im Kofferraum noch Gepäck ist. Nur mit dem Fahrer aussteigen, damit der nicht mit dem Gepäck abhauen kann. Wenn dann doch einmal alles schief läuft, den Zündschlüssel abziehen und aus dem Fenster werfen, auch wenn man schon stranguliert wird. Deswegen schon beim Einsteigen darauf achten, ob das Fahrzeug überhaupt einen Zündschlüssel hat, falls nicht, auf das nächste Fahrzeug warten. Als letztes Mittel können Sie auch Ihr Portemonnaie aus dem Fenster werfen, denn weg ist das Geld ohnehin und vielleicht findet es eine ehrliche Person. Aber ab dem Augenblick, wenn Ihr Geld weg ist, sind Sie für die Räuber nicht mehr interessant.

Am Strand von Barahona wurden zwei Rucksacktouristen mittags überfallen. Die Rucksäcke wurden durchsucht, man fand aber nichts und verschwand wieder.
Dies ist ganz typisch für den Spruch, Gelegenheit macht Diebe. Also, nichts sichtbar zur Schau tragen, keinen Schmuck, keine teure Uhr. Wir tragen unsere Kamera immer in einem kleinen Rucksack. Außerdem ist die Kamera ein völlig unbekanntes Fabrikat mit einem sehr guten Objektiv, das kennt aber auch keiner. Im Portemonnaie ist immer nur soviel Geld, wie wir gerade brauchen. Die Reisekasse zahlen wir auf ein Sparbuch ein und holen immer nur kleine Beträge. Einen kleinen Betrag als Reserve hat meine Frau bei sich.

In Cabarete erhielt ein Paar nachts Besuch, weil sie die Verandatür in der ersten Etage offengelassen hatten. Der Mann handelte sehr besonnen. Er räusperte sich, der Dieb trat sofort den Rückzug an. Es war richtig, diesen nicht zu attackieren, weil er sonst gezwungen gewesen wäre, sich zu verteidigen. Viele Dominikaner haben stets ein Messer dabei. Frühestens als der Räuber beim Abstieg war und er sich nicht mehr wehren kann hätte ein Angriff erfolgen dürfen z.B. die Leiter mit dem Mann umwerfen.

Unsere Freundin María, Dominikanerin, wurde von drei Männern überfallen. Sie richtete diese böse zu. Dem ersten schlug sie ein blaues Auge, dem nächsten zertrümmerte sie das Jochbein und dem dritten biß sie ein Stück aus der Brust. Weil sie Personen, egal ob in Notwehr, verletzt hatte, mußte sie ins Gefängnis. Daher der Rat, wenn Sie sich erfolgreich wehren und der Verbrecher verletzt wurde, nehmen Sie ganz schnell einen Ortswechsel vor.

Überfälle 2004:
Santo Domingo; ein Holländer fuhr mit dem Taxi zum Hotel. Als er bezahlen wollte, sah der Fahrer, daß sein Fahrgast etwas zu viel Geld in der Brieftasche hatte. Der Holländer hat nicht gesagt ob er betrunken war und wie lange er brauchte, um das Geld herauszuholen. Auf alle Fälle hatte der Taxifahrer genügend Zeit zum Messer zu greifen und dies den Holländer an die Kehle zu halten. Mein Vorschlag immer nur wenig Geld im Portemonnaie zu haben und die Reserven an mehreren Stellen zu verstecken. Ich hätte den Erpresser das Geld gegeben und beim aussteigen die Tür mit solcher Wucht nach vorn gedrückt, daß sie entweder heraus gebrochen wäre (bei den
Schrottautos dürfte das nicht zu schwierig sein) oder sich nicht mehr hätte schließen lassen. Neuerdings habe ich immer einen Pfefferspray dabei, den hätte ich in die Kabine gehalten mir mein Geld zurückgeholt und wäre verschwunden. Keine Polizei!!! Sie haben einen Dominikaner verletzt!!!!! Man sperrt Sie ein und versucht Sie zu erpressen. Alles, was Sie bei sich haben sind Sie los. Das Beste ist sofort einen Ortswechsel vornehmen. Wenn Sie mit einem Taxi fahren dann nur eine große Gesellschaft (Opera, Tecni) und bei der Zentrale das Taxi anfordern, Fahrstrecke nennen und Preis sagen lassen. So können Sie hinterher feststellen, wer Sie gefahren hat.

Zwanzigtausend Dollars sind viel Geld. Diesen Betrag hatte ein Landsmann mir abgenommen und damit sein Haus gebaut. Ich erwirkte zwar eine Hypothek darauf, doch mein Geld sah ich vorerst nicht. Statt dessen schickte er mir einen Killer auf den Hals, was ja auch wesentlich billiger ist als einen derartigen Betrag – noch dazu mit einem Prozent Zinsen pro Monat – zu bezahlen. Eine Situation wie diese kennen wir normalerweise ja nur aus dem Samstag Nacht Krimi auf Kanal eins, doch unmittelbar damit konfrontiert zu wer­den, das schaut dann aber ganz anders aus! „Pedro, da ist jemand erschienen, der will Dir Böses! Der ist nicht von hier. Der kommt aus Puerto Plata. Paß gut auf Dich auf!“ Es waren meine dominikanischen Freunde, die es zuerst bemerkten. Sie waren ständig um mich herum, nicht einmal beim Pinkeln ließen sie mich alleine! Ich war gefordert, keine Frage. Den nächsten Flieger nach Europa nehmen war der erste Gedanke. Aber dann beschloß ich, mich dieser unerfreulichen Sache zu stellen und den dunkelhäutigen Killer ganz einfach mit eigener Hand umzunieten. Also erschien ich beim hiesigen Polizeikommandanten und fragte ihn höf­lich: „Es possible alquilar una arma de fuego?“ – „Ist es möglich, eine Waffe zu mieten?“ Er war bekleidet mit einem ehemals weißen Unter­hemdchen und einer zerknitterten Khaki Hose, hatte einen Nabelbruch, lehnte mit seinen nackten Füßen gegen die hölzerne Wand seiner blauen Behausung hinter der Bullenstation und stocherte mit einem schmutzigen Hölzchen in seinen Zahnruinen herum: „Pah! – Pah! – Pahraque?“ – „Warum?“ hustete er mich an. „Para defender!“ – „Zur Verteidigung!“ erwiderte ich freundlich. Er stand einfach da und dachte über mein Ansinnen nach, dann spuckte er auf den Boden, hob seine rechte Hand vor mein Gesicht, ließ seinen Zeige­finger von links nach rechts wandern und meinte: „Eso no es possible, Senor!“ – „Das ist nicht möglich, mein Herr!“ „Entonces – es possible alquilar esta arma con el Dueno, que tienela?” – “Alsdann – ist es denn möglich, die Waffe zu mieten mit dem Bullen, der dranhängt?“ Da füllten sich seine Augen mit einem satten Glänzen. Er hob seine Augenbrauen hoch und meinte: „Eso es possible, Senor!“ Wir einigten uns auf einen Preis von je 100 Pesos, dann mietete ich zwei Polizisten an. Ich klärte die beiden über meine Situation auf und fügte hinzu, daß der Killer jede Nacht so zwischen drei und halb fünf sich an mein Appartement heranschliche, welches damals direkt an die dicht bewachsenen Kakaoplan­ta­gen angrenzte. Es gab ihn tatsächlich: ich hatte ihn schon zweimal dabei beobachtet! „Du mußt genau so weiterleben wie früher, Pedro. So – als wenn Du gar nichts bemerkt hättest! Also ist heute Abend die Discotheca angesagt!“ Ich hatte es ganz offenbar mit ausgesuchten und bestens geschulten Spezia­listen zu tun – Leute, die was von ihrem Handwerk verstanden! Also trafen wir uns am Abend in der Disco. Meine beiden Bodyguards waren in Zivil, das heißt, sie unterschieden sich äußerlich in nichts von den hier üblichen Verbrechervisagen, die nur auf ihre Möglichkeit warten, von irgendeinem Tisch eine halbvolle Flasche Rum zu stehlen. Mit von der Partie waren außerdem noch Lothar, mein Leibwächter, Oliver, der älteste Sohn von Don Luis, dem das Punta Bonita Hotel gehört und Chago, mein letzter Dominikaner. Wir alle tanzten und soffen drauf los und hatten unseren Spaß. Selbst­ver­ständlich ging alles auf meine Rechnung und speziell die beiden Bullen nutzten diese Gelegenheit rigoros aus. Sie waren so begeistert, daß sie auf ihre eigentliche Aufgabe vollkommen vergaßen und so wurde es immer später. So gegen zwei Uhr früh blies ich dann zum Aufbruch, doch die beiden wollten noch immer nicht. Erst als ich ihnen deutlich machte, daß sie ihr Geld ja irgendwie auch verdienen müßten, nahmen sie auf meinem Jeep Platz. Vorher jedoch hatten sie sich jeder noch zwei große Flaschen Pre­sidente Bier eingesteckt. So kamen wir schlußendlich doch noch von der Kür zur Pflicht und fuhren zu meinem Appartement am Rande des Ur­waldes. Ich hatte nun erwartet, daß die zwei sich irgendwo in der Nähe verstecken würden, um auf den bösen Mann zu warten und ihn festzunehmen, doch da hatte ich mich gründlich getäuscht, denn sie betraten mit uns das Appar­tement, grölten besoffen herum und pinkelten zu allem Überfluß noch in meine Badewanne, weil sie offenbar nicht wußten, welchen Zweck diese sonst zu erfüllen hatte. Also erklärte ich den beiden, was ich von ihnen erwartete und daß sie gefälligst dem Killer draußen aufzulauern hätten. „No Problemo!“ war die Antwort, dann holten sie ihre Schießeisen heraus und ballerten sinnlos in der Gegend herum. „Lothar! Nimm diese Kinder mit ihren Waffen, lade sie auf den Jeep und bringe sie auf die Bullenstation zurück! Die sind total unbrauchbar. Ich will die hier nicht mehr sehen. Nimm bitte die Schlüssel und beeile Dich! Vielleicht passiert doch noch was heute Nacht.“ Lothar fackelte auch nicht lange. Er nahm sie einfach links und rechts bei den Hemdkragen, hob sie ein wenig hoch, warf sie hinten auf den Jeep und weg waren sie. Da saß ich nun in meinem Appartement, die Machete in der Hand und wartete. Oliver hatte sich mit seinem schweren Kopf längst zu Bett bege­ben und Chago war auf dem Schaukelstuhl sitzend eingeschlafen. Nur ich war noch hellwach. Jedes Geräusch nahm ich wahr, jede Bewegung draußen wurde registriert. Es war kurz vor Vollmond und so konnte man alles recht gut erkennen. Es war sternenklar. Die Palmen auf der anderen Straßenseite wiegten sich leicht im Wind. Ich saß im Schatten neben der Eingangstüre, bereit jederzeit mit dem Buschmesser zuzuschlagen. Doch es geschah nichts. Der Killer war vermutlich durch die unbedachte Schießerei vorgewarnt und würde wohl heute nicht mehr erscheinen. Die Zeit schien stillzustehen. Nichts geschah. Nach über einer Stunde hörte ich das vertraute Auspuffgeräusch meines Jeeps und Lothar kam endlich zurück. Als er den Motor ausschaltete, glaubte ich glatt, mich trifft der Schlag: Die beiden Bullen waren wieder da und hatten zusätzlich noch zwei Huren­weiber mitgenommen! Die wollten also nicht nur auf meine Kosten saufen, sondern auch noch vögeln! Eine wackelte mit ihrem kleinen Hintern durch meine Eingangtüre. „Hola Pedro!“ flötete sie. Nun reichte es mir aber! „Die Party ist zu Ende! Raus!“ brüllte ich, doch die verstanden plötzlich kein Spanisch mehr. Unberührt setzten sie ihre unter­broche­ne Sauferei fort. Auf einem runden Holztisch standen acht oder mehr große Flaschen Bier. Ich nahm meine Machete, holte kurz aus und dann flog sie backhands durch die Flaschen. Diese standen zwar immer noch auf dem Tisch, doch waren sie nur mehr halb so groß! Ein riesiger Fleck war auf der Wand entstanden und der Boden war mit Glassplittern übersät. Da herrschte plötzlich Gedränge an der Türe! Sie konnten gar nicht schnell genug ver­schwinden, so eilig hatten sie es. Denn jetzt drehte der Pedro durch! Eine der kleinen Huren stand also um halb sechs in der früh auf der Urwaldpiste und schrie pausenlos: „Moto Concho! Moto Concho!“ Doch das gab es natürlich nicht.„Setz Dich hinten drauf, ich tue Dir doch nichts!“ beruhigte ich sie und dann fuhren wir alle wieder ins Dorf zurück. Auf der Polizeistation lud ich die Bullen mit ihren Weibern ab und dann machten Lothar und ich noch einen Besuch in der Blue Bar, welche sich damals direkt neben dem Ein­gang zum Nuevo Mundo befand und wo man um weniger Geld die gleichen Mädchen treffen konnte wie drinnen in der Disco. Hier eröffneten wir dann den internationalen Frühschoppen und so kamen wir langsam wieder auf unseren gewohnten Pegel zurück; es kam also – wie ich immer zu sagen pflege – wieder Farbe ins Bild. Zwei Nächte später lag ich, ganz in schwarz gekleidet, mit meiner Machete auf der Lauer. Der Killer kam tatsächlich. Geduckt schlich er sich an mein Appartement heran. Als er anderthalb Meter von mir entfernt war, stand ich blitzschnell auf und holte mit dem Messer aus. Seine Augen wurden so groß wie weiße Untertassen, dann rannte er in Panik mit seinen bloßen Füßen über den Stacheldrahtzaun davon. Er hatte begriffen, jetzt geht’s ans Leben! Ich glaube, der ist die ganze Nacht durchgerannt. Seitdem wurde er nie mehr gesehen.Zwei Tage später traf ich den Polizeikommandanten, als ich gerade aus der Codetelstation herauskam. Er nahm mich zur Seite und bot mir eine 38er zum Kauf an, mit der Lizenz zu töten als Draufgabe. „Die meisten Gringos wollen so was.“ meinte er. „Tausend Dollar, dann bist Du dabei, Pedro!“ Das war in der Tat günstig; normalerweise kostet eine Waffe mit Schein das zwei bis dreifache dieser Summe.„Capitan!“ erwiderte ich lächelnd: „Schau mal! Ich habe hier keine Angst. Mir tut doch niemand was. Wir spielen Domino, teilen uns den Rum und die Weiber und ansonsten fühle ich mich gut und sicher hier. Schließlich ist das hier ja nicht Düsseldorf Hauptbahnhof!“ Den Kopf leicht gesenkt stand er da, den Mund geöffnet und mit ungläu­bigem Gesichtsausdruck. Ich klopfte ihm auf die Schulter und grinste ihn voll an: „Und sollte ich jemals das Gefühl bekommen, daß ich eine Waffe benötige, weißt Du, was ich dann machen werde, Capitan? – Dann gehe ich woanders hin!“ Eine Woche später saß ich im Flieger nach Europa und als ich nach ein paar Monaten wieder in auftauchte, war die ganze Geschichte vergessen. Ach ja – den Auftraggeber ließ ich währenddessen von Interpol abholen, denn der stand in Deutschland auf der Liste!

 

Autor: Günter Fischer

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